Konzerte
 



So, 10.10.2010
20:00 Uhr
Hanns-Martin-Schleyer-Halle
Mercedesstraße 69
70327 Stuttgart

 

Stuttgarter Nachrichten
11.10.2010

Schöne Grüße von Theo an den Rest der Welt

Zurück zum Rock'n'Roll: Marius Müller-Westernhagen am Sonntagabend vor knapp 8000 Fans in der Schleyerhalle

 Marius Müller Westernhagen hat das Bockige, Zickige, Zornige und Mürrische des Rock'n'Roll wiederentdeckt. In der Schleyerhalle bekamen am Sonntagabend knapp 8000 Fans ein Konzert zu hören, durch das immer wieder der Bluesrockteufel tobte.

Der Vorhang, der eben noch die Bühne verdeckt hat, kann gar nicht schnell genug hochgezogen werden. Ungeduldig drängt hinter ihm ein zäher Rolling-Stones-Riff hervor und Marius Müller-Westernhagen klingt schon bei der ersten Strophe heiser: "Mit ein bisschen Glück werden wir verrückt."

An diesem Sonntagabend in der Schleyerhalle in Stuttgart spielt der Sänger und Ex-Schauspieler ("Theo gegen den Rest der Welt") für die 8000 Zuschauer wieder den Bluesrocker, der er am Anfang seiner Karriere war. In der aufstampfenden Version von "Es geht mir gut" ebenso wie in dem zornigen Boogie "Schnauze voll" vom aktuellen Album "Williamsburg", das man wie eine altersweise, desillusionierte Rückkehr zu der Musik, die Westernhagen früher auf Platten wie "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" machte, verstehen kann.

Als der Song kurz vor den Zugaben auf dem Programm steht, hat sich tatsächlich der überdrehte Rock'n'Roll von damals in einen Blues verwandelt - zumindest am Anfang. Erst dann gibt Westernhagens Band Gas, und er singt: "Glaubst du an den lieben Gott oder an Guevara? Ich glaube an die deutsche Bank denn die zahlt aus in bar."

Und auch mit 61 ist Westernhagen immer noch ein verdammt dürrer Hering der mal schreit, mal mit Kopfstimme flüstert, sich redlich bemüht wie ein Bluessänger zu klingen. Selten nur geht es an diesem Abend nicht um Sturm und Drang, um die Wut im Bauch. Der Countrywalzer "Durch deine Liebe" ist eine dieser Ausnahmen - ein Song, in dem es um die Verletzungen geht, die einem die Liebe nur allzu gerne zufügt. Und hinter der Band wird ein Meer aus Kerzen an die Wand projiziert. "Ihr seid wahnsinnig", sagt Westernhagen hinterher, "danke, dass ihr gekommen seid." Er trägt einen schicken Anzug, einen smarten Bart, eine runde Sonnenbrille und versteht es immer noch ausgezeichnet, das Publikum auf seine Seite zu bringen.

Das gelingt ihm am Sonntag aber weniger mit schnulzigen Liebeserklärungen wie in "Engel", mit Balladen wie "Typisch du" oder "Ganz und gar", mit Sozialkitsch wie "Wieder hier" oder damit, dass er Werbung für die Soloplatte seiner Backgroundsängerin macht, sondern mit seinem Flirt mit dem Rock'n'Roll-Existenzialismus und damit, dass er die Hymne "Freiheit" den Menschen, die gegen Stuttgart 21 demonstrieren, widmet. "Es geht nicht darum, ob man dafür oder dagegen ist, sondern, darum, dass man den da oben zeigen muss, dass sie nicht einfach über unsere Köpfe hinweg regieren können."

Marius Müller-Westernhagen ist während der zweieinhalb Stunden immer dann am besten, wenn er sich kaum Zeit zum Luftholen lässt, wenn er sich zum "Willenlos"-Shuffle einmal mehr als Opfer weiblicher Sexualisierungen inszeniert. Wenn er in "Fertig" über die Bühne stolziert, wenn er "Alleine" ein Powerrockfinale beschert, wenn durch einen Song eine Wah-Wah-Gitarre und durch einen anderen eine störrische Mundharmonika zuckt.

Westernhagen hat mit "Williamsburg" den Rock'n'Roll wieder entdeckt, sein Repertoire klingt so robust und erdig wie lange nicht mehr. "Habt Ihr Spaß?", wird er das Publikum später fragen, bevor sein Musical-Director Kevin Bents die Musiker vorstellen darf, die hauptsächlich US-Amerikaner und Briten sind und zusammen eine erstklassige Band abgeben. Das zeigt sich in Bluesnummern wie "Aber lieben werd ich dich nie" ebenso wie in "Hey Hey", das ein bisschen nach New Orleans, ein bisschen nach John Lee Hooker klingt, mit einer quengelnden Orgel ein Fest auf den Nihilismus feiert.

Und in den Zugaben kommt dann endlich "Mit 18", der Song, mit dem Westernhagen schon 1979 die Midlife Crisis eines Künstlers besang, bevor seine Karriere überhaupt richtig angefangen hatte. "Ich will zurück auf die Straße, will wieder singen nicht schön, sondern geil und laut", sang er damals, singt er heute. Und seine Band sorgt derweil für die Dröhnung.

 
Stuttgarter Tagblatt
12.10.2010
Er ist wieder hier

8000 Besucher feiern Marius Müller-Westernhagen in Stuttgart

Nach fünfjähriger Livepause begeisterte Marius Müller-Westernhagen mit seinen größten Hits und neuen Songs 8000 Besucher in der Schleyerhalle. Eine großformatige Zweieinhalb-Stunden-Show.

Stuttgart Man muss Marius Müller-Westernhagen, den schnodderigen Popstar mit dem Hang zur Arroganz nicht mögen, doch spätestens mit dem jüngsten Album "Williamsburg" erweckte er den Eindruck, wieder seine Wurzeln entdeckt zu haben. Mehr Rock, mehr Blues - die Stimme ein wenig tiefer gelegt und noch ein wenig kratziger. Ziemlich spannend also, wie er sich bei den Livekonzerten nach fünfjähriger Bühnenabstinenz schlagen würde.

Mit dem gefeierten Tourstart in Mannheim im Rücken kehrte aber nicht die erwartete Hochnäsigkeit zurück. Mit einer Mischung aus Nervosität und sportiver Unruhe dribbelte der 61-Jährige über die Bühne und gab gleich den "Jesus". "Wir sind die Helden. Es geht, du musst es nur wollen", schien er sich selber Mut machen zu wollen. Eine routinierte Band aus Briten und US-Musikern im Rücken, dazu der Kölner Gitarrist Markus Wienstroer - da musste sich Westernhagen keine Sorgen um genügend Druck machen. Allerdings wurden die Musiker, wie zu erwarten, nicht einmal ansatzweise an die Grenzen ihrer technischen Möglichkeiten gebracht, schaukelten in routinierter Professionalität den schlichten Rock n Roll über die Bühne.

Auch wenn da neun standfeste Musiker auf der Bühne waren, vom Orkanhaften eines guten Stones-Konzerts oder der "The Faces", die einigen Westernhagen-Songs als Vorbild dienten, hatte das so gar nichts. An den Multi-Musikern Kevin Bents oder Frank Mead - Letzterer überzeugte mit rauem Ton am Saxofon und glänzenden Bluesharp-Soli - lag das über weite Strecken nicht. Eher am lauen Songmaterial, das hier zumindest vom Hochglanz-Pop wieder auf dreckigen Rock runtergeschrubbt wurde.

Trotz bluesrockiger Aggression wurde der 150-Minüter mit 26 Songs vor allem zum Warten auf die Hits und visuelle Großtaten auf der Videowall im cineastischen Format. Natürlich wurden auch all die anderen Songs beklatscht, und MMW konnte sich kaum einkriegen. "Ihr seid wahnsinnig!", lobte er die 8000, "What a Band!" die Musiker. Noch mehr Wertschätzung gabs für die Mitstreiter, als er den musikalischen Direktor Kevin Bents die Truppe vorstellen ließ. Westernhagen in Geberlaune.

Und gegen Ende wurde das musikalische Treiben trotz einer Überdosis Rock n Roll-Klischees auch ohne Affentheater immer treibender. Da traf der Lovesong "Ganz und gar", der immerhin 24 Jahre auf dem Buckel hat, auf das soulig bluesige "Hey Hey", und "mit einem Lied aus der Steinzeit" gabs kein Halten mehr: "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz" hatte er sie alle.

Erfolg macht eben "Sexy". Zugaben mussten her. "Mit 18" gings in die Zeitmaschine, mit "Baby, I want you" bekam Soulröhre und Vorzeigefrau Della Miles ihr Feature, und dass Westernhagen "Wieder hier" ist, hatte nun sowieso bereits jeder kapiert.

Doch der Sänger hatte noch einen Zugabenblock mit vier Songs in der Hinterhand. "Lichterloh" wurde zum brennenden Aufwühler, der "Engel" durfte durch die Schleyerhalle fliegen, und dann wurde "Freiheit" zur Stuttgart-21-Hymne. "Es geht nicht darum, ob man dafür oder dagegen ist, sondern, darum, dass man denen da oben zeigen muss, dass sie nicht einfach über unsere Köpfe hinweg regieren können", sagte Westernhagen, um dann noch prägnanter zu formulieren: "Wir sind das Volk."

Darauf trank man gemeinsam noch einen "Johnny Walker" - wie in den alten Tagen, als die Rebellen noch nicht an Arthrose und an die Altersvorsorge dachten, sondern gegen den Rest der Welt rockten.
 

Zollern-Alb Kurier
14.10.2010

MMW: Zurück in seinem Revier

Man muss ihn sicherlich nicht mögen, den Marius, den Müller-Westernhagen. Doch in der Musikszene hat er in Deutschland mehr bewegt, als manch anderer Pop-Titan. War es doch einst Westernhagen, der der internationalen Konkurrenz den Kampf ansagte und ebenfalls in die großen Arenen der Nation einzog. ­ Erfolg, der ihm bisweilen auch missmutige Kommentare über sein Gehabe auf und abseits der Bühne einbrachte.

Mit neuem Songmaterial im Rücken ist er wieder hier, in seinem Revier. So auch in der Stuttgarter Schleyerhalle am Sonntagabend ­ als krönender Abschluss des Cannstatter Wasens sozusagen. Denn während draußen vor den Türen langsam das bunte Treiben zum Erliegen kam, setze der mittlerweile 61-Jährige zu neuen Höhenflügen an.

Zur Prime-Time hob sich der Vorhang und die Band legte richtig los. Westernhagen tigerte dabei wie ein hungriges Tier von einer Seite der Bühne auf die andere, mit bewährt heiser klingender Stimme servierte er gleich zu Beginn den "Jesus". Ein von den rund 8000 Fans heiß ersehnter Auftakt zu einem Konzertabend, der es in sich hatte. Denn das Mammutprogramms umfasste  26 Lieder aus seiner Karriere, zu Beginn vor allem neues Material vom Album "Williamsburg".

Dass er noch lange nicht die "Schnauze voll" hat vom Musik machen, war schnell klar. Rockiger und mit mehr Blues kämpfte sich der Rebell von einst durch den Abend, heizte an und sprühte vor Energie. Eine Energie, die das Publikum nur zeitweise zurück gab. Vor allem bei seinen Klassikern wie "Sexy", "Willenlos" und "Wieder hier" kamen die Besucher besser auf Touren. Und spätestens bei seinen Hymnen "Freiheit" und "Johnny Walker" gab es kein Halten mehr und harmonisch endete mit dem zweiten Zugabeblock die zweieinhalbstündige Show.

Als besonderes Schmankerl erwies sich der Titel "Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz". Den sang Westernhagen nämlich nicht allein. Er erhielt Unterstützung von der Schwäbischen Alb. Hansi Graf aus Stetten am kalten Markt hatte im Vorfeld das Duett mit ihm ersteigert. Damit hat sich der gestandene Schwabe, der sich übrigens sehr für die Haiti-Opfer einsetzt, einen großen Traum verwirklicht.

 


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