Konzerte
 



Mo, 11.10.2010
20:00 Uhr
Olympiahalle München
Spiridon-Louis-Ring 21 / Eingang Ost
80809 München
 
Süddeutsche Zeitung
12.10.2010

Er ist wieder hier

Westernhagen in München

Ein Mann und seine Musik: Marius Müller-Westernhagen braucht in der Olympiahalle in München Zeit zum Einsingen, dann gibt er ein formidables Konzert - und ist am Ende ergriffen von der Begeisterung der Fans.

Marius Müller-Westernhagen steht ganz vorne am Rand der Bühne und schüttelt mit dem Kopf. "Ihr macht mich wahnsinnig, wisst Ihr das", sagt er. "Aber ich wäre enttäuscht, wenn das nicht so wäre." Die Zuschauer johlen, es ist ihnen egal, dass sie seit Stunden im Regen stehen und der Matsch mittlerweile bis zu den Knöcheln reicht.

Es macht ihnen nichts aus, weil auch Westerhagen im Regen steht. Er ist bewusst nach vorne marschiert, um zu demonstrieren: Seht her, ich bin einer von euch, wir lassen uns nicht vom Wetter die Stimmung vermiesen.

Fast 17 Jahre ist es her, dass Westernhagen dieses Konzert auf dem Zeppelinfeld in Nürnberg gegeben hat, in der dritten Reihe stand damals ein Teenager und war begeistert von dem Mann auf seiner Musik. Dieser Mann sang Textzeilen, die der kleine Junge verstand ("Und ich bin viel zu müde - und das seit gestern schon"), die der kleine Junge nicht verstand ("Ginger Rogers hat mit Fred Astaire gesteppt - und ich kann übers Wasser gehen") und die der kleine Junge zu seinem Lebensmotto machte ("Schweigen ist feige, Reden ist Gold").

Als Westerhagen am Montag bei seinem Konzert in der Münchner Olympiahalle auf die Bühne schreitet, da sieht es so aus, als würde er sich bei einer Gala den Ehrenpreis für sein Lebenswerk abholen: Perfekt sitzendes Jackett, feines Hemd, extrem dunkle Nickelsonnenbrille. Um den Hals hat er feinstes Tuch geschwungen, an den Füßen trägt er edle Schuhe. Westernhagen sieht ein wenig so aus, wie John Lennon womöglich aussehen würde, wenn er noch lebte.

Er sieht aber auch ein wenig aus wie Frank Zander.

Die Menschen jubeln, aber ein wenig verdutzt gucken sie auch. Klar, Westernhagen war fünf Jahre lang nicht mehr auf Tournee, er war der philosophierende Stargast in Talkshows, er holte sich Ehrenpreise ab. Dass er nun nicht in hautengen Jeans und einem Schlabbershirt mit der Aufschrift "Who the fuck is Marius?" auf die Bühne sprinten würde, war zu erwarten. Aber nach Rock 'n' Roll sieht dieses Outfit nun wirklich nicht aus.

Es dauert ein paar Lieder, bis dieser Schock überwunden ist, bis Westernhagen sich eingesungen hat und seine Stimme wie die von Westernhagen klingt. Diese krakeelende Krächz-Stimme, die so rotzig klingt bei den Rock 'n' Roll-Songs, bei den Blues-Stücken so verraucht und nach Reißnagelgurgeln wie die von Joe Cocker, und so klar und verletzlich bei den ruhigeren Stücken.

Dieses Repertoire kann Westernhagen immer noch vorweisen, er wird begleitet von einer phänomenalen achtköpfigen Band und den zwei formidablen Background-Sängern Ron Jackson und Della Miles. Er mischt Songs aus seinem neuen Album Williamsburg mit Klassikern, nur selten interpretiert er Stücke komplett neu wie etwa Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz, bei dem er die ersten Strophen als Blues-Version singt und erst dann die rockige Variante präsentiert.

Es ist jedoch dieser Moment der Neuinterpretation, als das Münchner Publikum - das unter Pop- und Rockmusikern als extrem schwer zu bespielendes und zu bespaßendes gilt - wahrlich Gefallen findet an der Vorstellung. Die Menschen vor der Bühne tanzen ohnehin, als Westerhagen jedoch seinen Pfefferminz-Song beendet und kurz auf die Tribüne blickt, sieht er ebenfalls fast ausschließlich wild herumhüpfende Menschen.

Auf dieser Tribüne steht auch der kleine Junge von damals. Manche der kryptischen Texte von Westernhagen versteht er mittlerweile ("Frauen gegenüber bin ich willenlos"), andere versteht er noch immer nicht ("Wir waren zu dritt, weniger sieben") und manche sind mittlerweile sein Lebensmotto geworden ("Ganz und gar").

"Wisst Ihr eigentlich, wie alt ich bin", fragt Westerhagen gegen Ende des Konzerts einmal - und freilich ist dieser Satz mehr Koketterie als Frage. Die Menschen in der Olympiahalle wissen natürlich, dass er im Dezember 62 Jahre alt wird. Sie sind mit ihm älter geworden, man sieht in der Halle kaum jemanden, der jünger ist als 30 Jahre. Es sind keine Teenies, die eine durchchoreografierte Show sehen wollen, sondern einen Mann und seine Musik.

Genau das lässt die 150 Minuten, die Westernhagen ohne Pause Musik macht, derart würdevoll erscheinen. Auf der Bühne hopsen keine Tanzmäuse zu Feuerwerk und Zaubershow. Da tanzt ein wenig ungelenkt ein Mann zu seiner Musik - und wenn er eine Ballade spielt, dann holen die Zuschauer keine Handys hervor, sondern tatsächlich Feuerzeuge.

Westerhagen beendet sein Konzert wie vor 17 Jahren auch mit zwei Liedern, bei dessen Texten man - und das ist ungewöhnlich - nicht zwischen den Zeilen lesen muss: "Freiheit" und "Johnny Walker". Als die Zuschauer derart laut mitsingen, dass es wohl auch noch bei der Allianz Arena zu hören gewesen sein muss, da steht Westernhagen am vorderen Rand der Bühne und schüttelt mit dem Kopf.

Vielleicht denkt er in diesem Moment daran, auch in zehn Jahren noch auf einer Bühne zu stehen. Wenn dem so ist, dann wird der kleine Teenager von damals seinen Sohn mitnehmen zu diesem Mann und seiner Musik.
 
Abendzeitung
12.10.2010

Ich mach’s trotzdem!

lt-Rocker? Marius Müller-Westernhagen ist über jegliche Peinlichkeiten erhaben und überwältigt das „schwierige“ Münchner Publikum

Das Wichtigste zuerst: Westernhagen, obschon ein Greis von 61 Jahren, schafft es ohne Rollator auf die Bühne. Auch hält er seine spillerigen Bewegungen bis zum Schluss durch; rüstig stakst er über die Bühne, die Grobmotorik scheint zu funktionieren. Dabei hatten die Kollegen aus der Kulturredaktion doch gewarnt: Westernhagen komme daher wie der späte Harald Juhnke, er singe nur schlechter.

Wahrscheinlich müssen sich alternde Rockmusiker so etwas einfach gefallen lassen; es steht wohl im Kleingedruckten jedes Popstar-Vertrages: Ab 50 sind Sie zum Verhöhnen freigegeben. Was man dagegen tun kann? Nichts, außer sich früh genug umzubringen (so wird man zur Legende) oder nie wieder ein Mikro in die Hand zu nehmen.

Andererseits ist bei so erfolgreichen Menschen wie Marius Müller-Westernhagen  grundsätzlich Mitleid unangebracht, und wäre er bei seiner Comeback-Tournee nur annähernd so peinlich wie befürchtet, dürfte man sich auch über ihn lustig machen. Nur: Er ist es nicht. Westernhagen liefert, nun muss es raus, in der Münchner Olympiahalle ein phantastisches Konzert ab.

Als er nach acht Zugaben (inklusive der wunderschönen Schnulze „Freiheit“) am Bühnenrand die Arme ausbreitet, scheint ihm der überbordende Jubel des Publikums selbst ein bisschen unheimlich zu sein. Marius, der Düsseldorfer Salon-Rocker, der es in dieser Stadt nie leicht hatte, wird gefeiert wie zu seinen besten Tagen. „Ich habe meiner Band gesagt, dass das Münchner Publikum schwierig ist“, ruft er nach den ersten Nummern, „nach diesem Konzert werden die mir nie mehr etwas glauben.“

Ach was, Alter!

Dabei ist die Olympiahalle höchstens zu zwei Dritteln voll, und Westernhagen spielt keineswegs nur die alten Kracher. Vor allem stellt er sein neues Album vor, das „Williamsburg“ heißt. Die Songs daraus klingen mainstreamig, melodisch und kommen beim Publikum (die meisten Fans sind über 40) super an. Aber das allein ist es nicht.

Was die Menschen in der Halle spüren, ist dieses sympathisch-trotzige Grundgefühl: Ihr schreibt mich ab, aber ich mach’s trotzdem. Immer wieder kokettiert er mit seinem Alter; bei „Sexy“ von 1989 scheint er die Zeile „Was hast du dem alten Mann getan?“ ironisch auf sich zu beziehen.

Seine enorm professionelle Band gibt ihm dabei Sicherheit. So kann er sich selbst inszenieren, mit all den coolen Posen, die ihm keiner nachmacht.

Westernhagen mag gealtert sein, seine Kunst bleibt poetisch. Und seine Show macht Spaß. Er sollte das noch eine Weile weitermachen, gerne auch mit Rollator.
 
Showbiz.de
13.10.2010

Marius Müller-Westernhagen begeisterte bayerische Fans

Marius Müller-Westernhagen (‘Es geht mir gut’) begeisterte am Montag, 11. Oktober, mehr als 8.000 seiner Fans in der Münchner Olympiahalle und beendet mit der aktuellen Tour, in Begleitung einer achtköpfigen Band sein Comeback nach fünf Jahren

Der inzwischen 61-Jährige Westernhagen, begeisterte seine Fans zweieinhalb Stunden lang mit seinen Songs und bewies somit, dass ihm die lange Bühnen-Abstinenz nicht geschadet hat.

“Ihr macht mich wahnsinnig, wisst Ihr das? Aber ich wäre enttäuscht, wenn das nicht so wäre”, ließ Marius Müller-Westernhagen, der am Samstag 9. Oktober, seine Tour in Mannheim begonnen hatte, seine bayerischen Fans.

Dabei hatte der erfolgreiche Musiker, der eigentlich mal Fußballer werden wollte und sogar an einem Sichtungslehrgang der Jugendnationalmannschaft teilgenommen hatte, wie er im Interview mit der ‘Frankfurter Rundschau’ verrät. Er scheiterte jedoch an seiner Körpergröße.

“Damals wurde man nicht nach Talent ausgesucht, sondern nach Entwicklungsstand”, erinnert sich Westernhagen, der damals “klein und schmächtig” war. “Ich erinnere mich an einen anderen Jungen in meinem Lehrgang: Kein guter Fußballer, aber doppelt so groß wie alle anderen. Der hat es dann geschafft.”

Heute, so der Altmeister, würde er jedoch nicht mit den Spielern des DFB tauschen wollen. “Ich bin mit einigen von ihnen befreundet. Unglaublich, was die für einen Stress haben. Interviews, direkt nach dem Spiel, wenn sie noch voller Adrenalin sind”, und auch die ständige öffentliche Beurteilung ist dem Musiker ein Dorn im Auge.

Der Musiker ist noch bis zum 25.10 auf seiner ‘Westernhagen: Live 2010′-Tour quer durch Deutschland unterwegs.
 
Sueddeutsche.de
13.10.2010

Gut vorbereitet

Gelungene Show von Westernhagen

Ein riesiger blauer, geraffter Bühnenvorhang verdeckt vor dem Auftritt die halbrunde Bühne; als es losgeht, suchen Scheinwerferspots zur aufreizenden Melodie von 'The Stripper' den Star, der von riesigen Sternen und seiner neunköpfigen Band umrahmt im Showmaster-Outfit - dunkelblauer Anzug mit Halstuch und Pünktchenhemd mit übergroßem Kragen - ins Blickfeld tritt: Dass die Zeiten des Pottpoeten und Underdogs ('Theo') Marius Müller-Westernhagen lang passé sind, jene achtziger Jahre, in denen der Düsseldorfer nicht nur Udo Lindenberg als Oberrocker Deutschlands ablöste, sondern als erster Einheimischer die Stadien eroberte, das war schon bei seinen diversen Abschiedstourneen klar. Vor zehn Jahren überdeckte ein Hauch von Lagerfeld, Existenz-Philosophie und Binnenalster-Rentnerglück den ehemaligen Villa-Kunterbunt-Gast, den Rock"n"Roller und provokativen Pöbler mit Hirn.

Dass es nun aber gleich der Broadway oder Las Vegas sein sollen, das überraschte dann doch in der gut, aber nicht ganz gefüllten Olympiahalle. Jedenfalls war überdeutlich zu sehen, dass Westernhagen sein Comeback in den USA vorbereitet hat, genauer im New Yorker Stadtteil 'Williamsburg', wie ja auch das neue Album heißt. Wenn Stücke daraus im Konzert erklangen, wurden sie eindeutig ihrem Entstehungsort zugeordnet: Brooklyn Bridge, Times Square, Greenage Village-Fassaden erschienen auf der riesigen, hochbrillanten, mitunter dreidimensional animierten Videoleinwand im Bühnenhintergrund. Auch der restliche Showteil musste sich vor den Inszenierungen der großen US-Stars nicht verstecken. Westernhagen kennt eben als alter Profi den Stand der Technik.

Weniger scheint ihm klar zu sein, was stilistisch der aktuelle Bringer ist, der Hallen füllt - aber wer weiß das heute schon noch. Freilich ist Westernhagen clever genug, den treuen Fans - der Altersdurchschnitt liegt definitiv jenseits der 50 - auch den alten Marius zu geben. Natürlich spielt er 'Sexy', den 'Pfefferminz-Prinz', das 'Ich bin wieder hier' und als unvermeidliches Ende nach über zweieinhalb Stunden 'Freiheit'. Natürlich röhrt dabei seine gepresste Sprechstimme wie eh und je so, dass man denkt, nach zwei Nummern müsse er komplett heiser sein. Und natürlich schmiert er den Münchnern, diesem 'besonders anspruchsvollen Publikum' routiniert Honig um den Mund. Doch peinlich werden diese Reminiszenzen eines 61-Jährigen nie. Was eben an der - nur anfangs schlecht ausgesteuerten - gelungenen, sauber durchkomponierten Show liegt, vor allem aber an den Musikern, die der Meister ebenfalls vorrangig in den USA aufgetan hat. Diese neun Herren plus Soulröhre Della Miles - Westernhagen produzierte ihr aktuelles Album, von dem sie im Zugabenblock auch einen Song vortragen durfte - sind definitiv die beste Westernhagen-Band, die es je gab. Vor allem bei den Blues- und Soul-Nummern wurde Westernhagens US-Trip zum Erlebnis.
 


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