Konzerte
 



Sa, 16.10.2010
20:00 Uhr
LANXESS arena
Willy-Brandt-Platz
50679 Köln
 
Aachener Zeitung
17.10.2010
Westernhagens Leidenschaft ist zurückgekehrt

Zu manchen Konzerten geht man mit einem gewissen Magengrummeln. So auch Samstagabend zu Westernhagen in die Lanxess-Arena. Die letzten Live-Erlebnisse mit dem Sänger, 2005 auf Comeback-Tour mit «Nahaufnahme» und 2008 beim «60th Birthday Bash», waren gewöhnungsbedürftig.

Und, von der Band und dem Gefühl, den eigenen Lebensweg im Zeitraffer von Stücken wie «Mit 18», «Freiheit» oder «Schweigen ist feige» zu durchleben, abgesehen, auch nicht unbedingt überzeugend. Letztes Jahr im Oktober hat Westernhagen mit «Williamsburg», nach vier Jahren Pause, ein Album mit neuen Stücken heraus gebracht.

Schlenker zur Countrymusik

Die zumindest ließen hoffen. Kein Vergleich zur pathetisch-peinlichen «Nahaufnahme», sondern vielmehr eine solide Mischung von erdigen Blues-Songs, rockigen Balladen und souligen Kompositionen mit kurzem Schlenker zur Countrymusik. Kein Schnickschnack, kein Firlefanz. Aber live? 150 Minuten, 18 Stücke und acht Zugaben später ist man schlauer. So ein Konzert betitelt sich quasi von selbst: «Wieder hier».

Der Titel der zweiten Single-Auskopplung vom 1998er-Album «Radio Maria» steht leitmotivisch über diesem zur Gänze wundervollen Abend. Auch wenn das Westernhagen-Hasser, und die gibt es, nicht gerne hören werden. Sicher, der gebürtige Düsseldorfer, der im Dezember 62 Jahre alt wird, gewandet sich, seit einiger Zeit schon, exzentrisch. Aber so lange er solche Auftritte hinlegt, wie den Samstagabend in Köln, kann man ihm auch das dramatisch geschlungene Dandy-Halstuch in azurblauer Seide überm schwarzweiß gepunkteten Hemd, die dunkel verglaste Nickelbrille und die viel zu dünnen Beine in den viel zu engen Hosen verzeihen.

Sogar den mehrfach geknickten, zylinderartig hohen Strohhut, den er beim Zugabenteil trägt, kann man ignorieren. Und das will schon was heißen. Gleich mit dem Opener «Jesus» ist Westernhagen voll da. Und jeder der 14.000 Fans ganz bei ihm. Die Tour-Band, die aus acht, zumeist britischen und amerikanischen Musikern, besteht, ist first class, die Backgroundstimmen von Don Jackson und Della Miles haben es in sich.

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Foto: Wolfgang Nybus - StromyVision

Della Miles darf ihr Soul-Talent später noch bei «Baby I Want You» unter Beweis stellen, diesmal da, wo sie eigentlich hingehört - ganz vorne auf der Bühne. Dass «Williamsburg» die alte Leidenschaft wieder voll entfesselt hat, merkt man beim dritten Stück «Wir haben die Schnauze voll», das alle, aber auch wirklich alle, mitsingen. Anders als unlängst bei Sting oder Peter Gabriel in der Kölner Arena, ist das hier wirklich ein Rockkonzert. Fast so, wie es früher einmal war. Mit unbestuhltem Innenraum, ohne Pause und mit Fans, die immer dann, wenn«s gefühlvoll wird, keine Handys hochhalten, sondern Feuerzeuge. Westernhagens kratzige Stimme hat wieder mehr Ruhe gefunden, klingt tiefer und weniger gehetzt als auf der Geburtstagstour.

Auch die grantigen Kommentare in Richtung Publikum lässt der 61-jährige inzwischen bleiben, stattdessen lobt er immer wieder und gönnt jedem Bandmitglied eine ausführlich Vorstellung. Die Bescheidenheit steht Westernhagen. Und dass es ihm sogar gelingt, eine Nummer wie «Mit Pfefferminz bin ich ein Prinz» so zu bringen, dass vom scheinbar längst abgelutschten Drops die Späne fliegen, ist eine reife Leistung. Auch auf die anderen Lieblinge wie «Es geht mir gut», «Willenlos» und «Schweigen ist feige», «Ganz und gar», «Sexy» und «Mit 18», «Wieder hier» und, als letzte Zugaben, «Freiheit» und «Johnny Walker», muss an diesem Abend niemand verzichten.

Positiv fällt auf, dass die neuen Stücke, darunter besonders «Hey, Hey», das um kurz nach 21.30 Uhr als gewaltiges Echo aus zehntausenden Kehlen durch die Arena schallt, nicht einfach nur hingenommen, sondern vom Publikum begeistert goutiert werden. «Der Weg war weit, der Weg war weit», singt Westernhagen im Refrain der achten Zugabe «Engel». Manchmal lohnt es sich aber trotzdem, ihn zu gehen. Wenn man da wieder ankommt, wo man eigentlich hingehört. Von «Nahaufnahme» war in der Arena kein Stück dabei.
 
Kölner Stadt-Anzeiger
17.10.2010
Als Held will er nicht posieren

Der letzte Rocker: Marius Müller-Westernhagen begeistert in der Lanxess-Arena 14.000 Besucher. Ständig bleibt er in Bewegung, wippt und tanzt im Takt. Das Publikum rastet besonders bei den alten Stücken aus.

„Man stilisiert sich bei Stadientourneen schon zum Helden“, erzählte Marius Müller-Westernhagen dieser Zeitung vor zwei Jahre auf die Frage, warum er diese Konzertform mittlerweile vermeidet. Aber in Arenen singt er sehr wohl noch wie jetzt wieder auf einer Tour mit zehn deutschen Stationen. „Marius, Marius“-Rufe schallen durch die Lanxess-Arena. Und da steht er dann, Marius Müller-Westernhagen, so unverkennbar er, dass es fast schon wirkt, als hätte sich jemand als Westernhagen verkleidet. Eng anliegender schwarzer Anzug, schwarz-weiß gepunktetes Hemd, gescheiteltes Haar und eine dunkel getönte John-Lennon-Sonnenbrille, die er das gesamte Konzert nicht abnehmen wird.

Doch wird diese Inszenierung durch allzu Menschliches gebrochen: Die letzten zwei Tage lag er krank im Bett, erzählt Westernhagen. Erkältung. Und dass er sich alle Mühe geben wird, ein gutes Konzert zu spielen. Als er ins Bühneninnere läuft, um an einen Becher Tee zu nippen, sind 14 000 Menschen kurz in einem intimen Fenster mit dem Sänger, der sich sonst so unnahbar gibt. Der Wahl-Berliner wird trotz seiner Kränkeleien fast die gesamten 150 Minuten Konzert in Bewegung bleiben, seine Beine werden keine Sekunde aufhören, im Takt mitzuwippen. Mal trippelt er, die Arme wie Karl Lagerfeld angewinkelt, von einem Bühnenende zum nächsten. Dann hüpft er auf der Stelle, hebt seine Arme in Jesus-Pose und klemmt schon mal bei der Bühnenüberquerung gleich den Mikrofonständer unter den Arm. Und wiederholt wird sich Westernhagen mit großer Geste ans Herz fassen, um Ergriffenheit zu transportieren.

Darüber hinaus versucht sich der Musiker das gesamte Konzert über darin, Basisdemokratie zu vermitteln: Immer wieder huscht Westernhagen aus dem exponierten Lichtkegel zu einem seiner Musikerkollegen, später wird die acht-köpfige Band ausdauernd vorgestellt. Und seine Backgroundsängerin Della Miles bekommt im ersten Zugabeblock die Möglichkeit, ihr eigenes Stück „Baby I want you“ zu performen.

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Foto: Wolfgang Nybus - StromyVision

Westernhagen hat in den vergangenen 35 Jahren 18 Studioalben aufgenommen und ist mit über 15 Millionen verkauften Schallplatten einer der erfolgreichsten deutschen Musiker. Nach über vier Jahren Veröffentlichungs-Pause erschien Ende 2009 sein Album „Williamsburg“; im New Yorker Stadtteil aufgenommen, ohne Plattenfirma publiziert und mit einem Direkteinstieg auf Platz zwei in den deutschen Albumcharts.

Von den insgesamt 26 Stücken, die Westernhagen spielt, sind sechs von diesem aktuellen Album. Sonst gibt es eine Fahrt durch die letzten drei Dekaden und diverse Ausdrucksformen: Mal gibt er mit „Willenlos“ den Rocker, dann wird es mit „Lieben werde ich dich nie“ bluesiger; mit „Zu lange allein“ gerät die Band in funkige Verschwurbelung. Das Publikum hat Westernhagen von Anfang an gepackt. Doch so treu die die Fans an seiner Seite geblieben sein sollten - am meisten zünden eben die alten Hits des ehemaligen Rotzlöffels aus der Zeit vor Armani, Bentley und Co. Bei „Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz“ scheinen die Ränge vor lauter begeistert mithüpfenden Menschen zusammenzubrechen. Der Stimmungshöhepunkt ist mit „Freiheit“ erreicht. Wobei sich die Zeitlosigkeit der Wende-Hymne durch den Einsatz an geschwenkten Feuerzeugen und Wunderkerzen - mittlerweile werden eher leuchtende Handys in die Höhe gehalten - versinnbildlicht.
 
 WDR 2
16.10.2010

Westernhagen am 16.10.2010 in Köln

Was sind die Zutaten für ein Westernhagen-Konzert? Das Rezept ist ebenso einfach wie anspruchsvoll: Rockmusik vom Feinsten, eine Band mit handverlesenen, erstklassigen Musikern, das komplette Emotionsspektrum zwischen Gänsehautballade und Partyhits, eine technisch und optisch ausgefeilte Bühnenshow, ein Programm gespickt mit den größten Hits, präsentiert von einem hervorragenden Sänger und Entertainer. Am WDR 2 Mikro von Reporter Thomas Steinberg, kurz vor dem Konzert am Samstag (16.10.10) in der Kölnarena, legten die Fans diese Messlatte eben genau auf diese Höhe. Denn sie wussten, sie bekamen alles und noch mehr, denn Westernhagen wäre nicht Westernhagen, wenn er nicht auch Überraschungen im Programm hätte.

Hohe Erwartungen auf beiden Seiten

Der 61-Jährige hatte selber hohe Erwartungen an das Konzert in der Domstadt: "Das Kölner Publikum ist immer sehr enthusiastisch, und ich spiel' immer sehr, sehr gern hier", verriet er im exklusiven WDR 2 Interview kurz vor der Show. Nach fünf Jahren ist Marius Müller-Westernhagen wieder auf Tour, gibt dabei insgesamt zehn Konzerte in deutschen Arenen. Die Kölnarena füllte er mit sage und schreibe 14.000 Fans bis unters Dach. Das ist schon phänomenal, denn sein aktuelles Album ist bereits seit einem Jahr auf dem Markt, aber weder dieses, noch eine Hitsingle sind momentan in den Charts vertreten. Westernhagen ist live eine Institution, ein Muss für die Fans. Und die verehrt der Star genauso wie sie ihn. "Hier vorne stehen Leute, die in jeder meiner Shows waren. Das ist der Wahnsinn!" sagte "der Dünne" sichtlich gerührt beim Kölner Gig. Ganze Familien waren gekommen, extrem viele junge Leute tummelten sich vor allem im unbestuhlten Innenraum. Die Stimmung war schon vor dem Start auf Party-Niveau.

Unterstützung aus 14.000 Kehlen

Ein riesiger, geraffter Theatervorhang verhüllte zunächst die Bühne, eine Swingnummer wie aus einer Las-Vegas-Show ertönte zu tanzenden Scheinwerfern. Ein erster Überraschungseffekt. Die Gitarrenriffs des Openers "Jesus" machten dann aber schnell klar: Marius ist "wieder hier"! Der kam - in feinen Zwirn gehüllt - ungewohnt schick daher, seine neun Begleitmusiker gaben da modisch schon eher die typischen Rocker ab. Das Stimmungsbarometer ging mit "Es geht mir gut" direkt steil nach oben. Allerdings traf der Chorus nicht ganz auf Marius Gesundheitszustand zu, den eine starke Erkältung beutelte. Er versprach seinem Publikum aber zu Beginn: "Ich werde alles raushauen, was geht!" Er konnte sich dabei wie gewohnt auf seine Fans verlassen, die ihm textsicher und stimmgewaltig aus 14.000 Kehlen ganze Textpassagen abnahmen. Dafür bedankte sich Westernhagen immer wieder: "Ihr tragt mich durch den Abend!" Stimmlich merkte man ihm jedoch kaum eine Beeinträchtigung an, wie gewohnt rieb und rockte sein Organ, um im nächsten Moment glasklar und weich zu werden.

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Foto: Wolfgang Nybus - StromyVision

Perfekte Mischung

Nachdem bei der letzten Tour die Fans die Setlist zusammenstellen durften, war dies wohl Westernhagens persönliches Wunschkonzert - oder vielmehr ein Kompromiss. Er präsentierte vor allem Hits von den millionenfach verkauften Alben der 1980er und 90er. Geschickt streute er die neuen Songs vom 2009er-Album "Williamsburg" ein. Die wurden fast ebenso enthusiastisch wie das alte Songmaterial gefeiert, haben sie doch wieder dieses erdig-dreckige Rythm-And-Blues-Timbre des 1978er Pfefferminz-Albums. "Das macht Spaß!" - Marius Müller-Westernhagen bedankte sich immer wieder regelrecht erleichtert bei den Fans für die positive Resonanz. Die Mitwirkenden der neuen Scheibe bildeten auch den größten Teil der Band. Bis auf den Neusser Gitarristen Markus Wienstroer sind dies alles Amerikaner, denen Marius in einer Songpause augenzwinkernd das Deutschlernen zur besseren Integration empfahl.

"Schwarzer Pfefferminz-Prinz"

Immer wieder witzelte Westernhagen mit Band und Publikum, aber auch der sanfte und ernste Marius kam zum Vorschein, als er zum Beispiel für seine Frau Romney "Ganz Und Gar" spielte. Immer wieder bestimmten ausgedehnte Blues-Sessions das Programm. Viele der bekannten Songs wurden in Köln sehr "schwarz" gespielt. Sehr zur Verwunderung und Begeisterung der Fans ertönten mitten in einer solchen Spontanimprovisation plötzlich die Textzeilen vom "Pfefferminz-Prinzen". Just als alle dachten, dies wäre wohl das neue Arrangement, wurde das Original hinten dran gerockt. Der Saal kochte, und nach dem anschließenden "Sexy" hätte man auf dem Arenadach wohl Spiegeleier braten können.

Balladen-Finale

Statt mit "Zugabe"-Rufen holten das Kölner Publikum ihren Star mit "Oh, wie ist das schööön!" zurück auf die Bühne. "Mit 18" und "Wieder Hier" hießen die nächsten Westernhagen-Kracher. Damit hatte Marius dann die volle Aufmerksamkeit für seine Sängerin Della Miles. Sie begeisterte mit einem Song von ihrem Soloalbum aus der Feder ihres Produzenten Marius Müller-Westernhagen: "Baby I Want You". Mit Songs wie "Engel" und "Freiheit" kam es dann zu einem eher getragenen Finale. Gerade das waren aber für viele Fans die Highlights. Nach zweieinhalb Stunden bildete "Johnny W." den Schlusspunkt, präsentiert von einem erschöpften Westernhagen mit seinen beiden Gitarristen - und einem 14.000-köpfigen Chor!
 


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