|
|
|
Do, 21.10.2010 20:00 Uhr o2 World o2 Platz 1 10243 Berlin
|
|
|
|
B.Z. 22.10.2010
|
|
Westernhagen auch im Alter meisterlich
Marius Müller-Westernhagen ist in die Jahre gekommen - auf der Bühne merkt man das nicht.
Die E-Gitarren krachten los und auf der Bühne stand ein Mann mit Seidentuch, Nickelbrille und dünnen Beinen, der entfernt an Mick Jagger erinnerte, so wie er herumgockelte. Marius Müller-Westernhagen sang „Jesus“, und da war es, das Reibeisen, mit dem man Tote erwecken kann, die Stimme, für die knapp 14.000 Berliner in die O2-World gekommen waren.
„Danke, dass ihr mich und meine Frau so nett hier empfangen habt“, sagte Neu-Berliner Westernhagen und spielte die Lieder seiner netten, neuen Platte „Williamsburg“. Doch mal ehrlich, Marius, dafür waren die Massen nicht erschienen. Sie wollten die Hymnen wie „Wieder hier“ und „Sexy“.
Natürlich gab MMW dem Publikum was es wollte, er ist schließlich ein Altmeister, gealtert, aber immer noch meisterlich. Bei Willenloooooooos brüllte die Halle.
 Foto: Michael Schulz - Eibner-Pressefoto |
|
|
|
Berliner Morgenpost 22.10.2010
|
|
Westernhagen raunzt und röhrt in alter Größe
Marius Müller-Westernhagen ist mit "Williamsburg" endlich wieder richtig da. Und auch live hat er zu alter Größe zurück gefunden. Das bewies der ewige Rock'n'Roller jetzt in seiner neuen Heimat Berlin. Er kann's einfach.
Suchscheinwerfer streifen hastig über einen monströsen, gerafften Vorhang, der samtblau illuminiert Publikum und Bühne trennt. Noch. Aus den Lautsprechern quäkt lasziv-blechern der 50 Jahre alte Striptease-Klassiker "The Stripper" des David Rose Orchestra. Das knisternde Ding swingt noch immer und schürt die Neugier. Wo sind wir hier? In einer Las Vegas Revue? In einer Burlesque-Show? Auf der Reeperbahn nachts um Halbeins? Als sich der edle Vorhang langsam hebt und den Blick auf satte 30 Meter Bühnenbreite freigibt, erwartet niemand darauf eine Antwort. In den schwülen Sound vom Band mischen sich kantig-raue Gitarren-Riffs, und mit so zickigem wie bedächtigem Schritt beschreitet ein Sänger das Areal, der nach wie vor zu den Lebendigsten unter den immer wieder gern totgesagten deutschen Rockstars zählt. Ja, er ist wieder hier: Marius Müller-Westernhagen manifestiert am Donnerstagabend mit seiner "Williamsburg"-Tourneeshow vor 13.500 Besuchern in der ausverkauften O2 World, dass er noch längst nicht zum alten Jet-Set-Eisen gehört.
Vor mehr als zehn Jahren hatte er mit einer Abschiedstournee die Notbremse gezogen. Der immense Erfolg und das Musikbusiness sind ihm selbst unheimlich geworden. Er hatte ja auch alles erreicht: war ein Kinostar, hat größte Stadien gefüllt, Millionen Platten verkauft, Millionen Menschen glücklich gemacht. Er war der prollig-kumpelige Rockstar, der in Stones-Manier über die Bühne hastete und freches Rock-'n'-Roll-Zeug ins Mikrofon keuchte. Er wollte nicht mehr.
Doch ein Typ wie Westernhagen kann nicht aufhören, auch wenn er in die Jahre kommt und den Staub der Straße längst mit dem Luxusfeudel von der Kunstsammlung gefegt hat. Vor fünf Jahren feierte Westernhagen sein von viel Kritiker-Häme und der zugegebenermaßen unglücklichen Platte "Nahaufname" begleitetes Comeback - und verzog sich zwischenzeitlich wieder auf gesellschaftlich sicheres Terrain zwischen Spenden-Galas und "Wetten dass..?"-Couch. Nun steht der Bundesverdienstkreuzträger im Bühnenschick der klassischen Soul- und Rhyhtm'n'Blues-Entertainer im gleißenden Rampenlicht der O2 World und raunzt, maunzt und röhrt "Jesus" in die Mehrzweckhalle. "Schenk mir Dein Leben, ich geb Dir meines dafür". Der Sound ist grob und wild, die exzellente Band, großteils mit englischen und amerikanischen Musikern bestückt, knetet die Songs in einen rüde-rockig treibenden Sound. Und in das Gedränge vor der Bühne kommt schnell Bewegung. Westernhagen hat eine treue Fanschar. Sie ist mit ihm älter geworden, aber sie geht immer noch aus dem Haus, wenn er zum Konzert ruft.
 Michael Schulz - Eibner-Pressefoto
"Das ist mein erstes Konzert in meiner neuen Heimatstadt", sagt er nach dem wild-wuchtigen "Fertig" von 1989. "Und ich möchte mich bedanken, dass ihr uns so aufgenommen habt. Meine Frau und ich haben nur einen Tag gebraucht, um uns als Berliner zu fühlen." Da freut sich der Berliner und applaudiert erst einmal. Und bekommt mit "Typisch Du" einen Song vom neuen Album "Williamsburg" ans Herz gelegt. Während sich auf einer flächendeckenden Bildwand im Hintergrund feminine Schatten hinter Fenstern eines mit Graffiti bemalten Backsteinhauses räkeln. Überhaupt, diese Bildwand. Sie ist riesig. Und sie untermalt jeden Song mit klug designten Bildern und Szenen, die mitunter wie gewaltige Bildschirmschoner wirken. Mal wogendes Meer unterm Vollmondhimmel, mal nächtlicher Highway vor Hochhausskyline, mal New Yorker Times Square, mal schemenhafte maskierte Gestalten, die in die Halle zu marschieren scheinen.
Mit "Williamsburg" hat Marius Müller-Westernhagen wieder zu altem Format gefunden. Aufgenommen im gleichnamigen New Yorker Stadtteil sind neue rockige, bluesige, auch countrylastige Songs entstanden, mit Zeilen, die treffen und wie gewohnt auch mit Zeilen, die wahrscheinlich nur Westernhagen versteht. Veröffentlicht hat er das Album in Eigenregie, gänzlich ohne Plattenfirma, nachdem sein jahrzehntelanger Vertrag mit Warner abgelaufen war und nicht erneuert wurde. Er schaffte es damit dennoch bis auf Platz zwei der deutschen Charts. Und beim aufmüpfigen "Hey Hey" singt die Halle so kräftig mit, als sei es ein Hit aus dem vergangenen Jahrhundert.
Westernhagen tänzelt gelenkig über die Bühne, trippelt zwischen den Musikern hin und her, freut sich über gelungene solistische Eskapaden oder auch darüber, dass Saxophonist Frank Mead vor lauter Ausgelassenheit fast einen Einsatz vergisst. Westernhagens Stimme kann noch immer in dieser rotzigen Tonlage maulen, die andere nur beim Gurgeln mit Metallspänen hinbekommen würden. Genausogut kann er bei Balladen wie "Durch Deine Liebe" oder "Ganz und gar" in sehnsuchtsvolles Schmachten verfallen. Und dann kommt schließlich sein so herrlich unflätiger Hit, der zunächst nur an den Zeilen zu erkennen ist. Westernhagen sitzt am Schlagzeugpodest, die Band stampft durch einen unerhört schleppenden Blues und der Sänger grunzt: "Draußen ist es grau / ich sitz mit dir hier blau / ob ich mir ein Küsschen klau / nun laß das doch du alte Sau - Baby lass uns tanzen...". Der Saal kommt mächtig in Fahrt und als die Band das Tempo schließlich anzieht und in den vertrauten Rock-'n'-Roll-Rhythmus übergeht, tanzt und singt die ganze Halle "Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz" bis die grauen Mähnen wehen.
Der aufmüpfige Marius steckt noch im gereiften Westernhagen
"Sexy" steht schließlich am Ende der ersten 100 Minuten Westernhagen, der noch eine gute halbe Stunde Zugaben folgen. "Ich hoffe, ihr wisst, wie alt ich bin", ruft er seinem Publikum kokettierend zu. Ja, natürlich wissen sie, dass er im Dezember 62 wird. Was ihn nicht davon abhält, mit "Mit 18" in die Verlängerung zu gehen. "Ich möcht zurück auf die Straße, möcht wieder singen, nicht schön, sondern geil und laut", heißt es da, und man spürt, dass der junge, aufmüpfige Marius noch immer tief drinnen in dem inzwischen gereiften Westernhagen steckt. Einmal Rock 'n' Roller, immer Rock 'n' Roller. Da kann man nun mal nichts dagegen machen. In Sachen Westernhagen ist das ein Glücksfall.
 Foto: Michael Schulz - Eibner-Pressefoto
Zum endgültigen Abschied nimmt er etwas Wind aus den geblähten Segeln, singt seine Hymne "Freiheit" und als kammermusikalisch-folkigen Rausschmeißer die Ballade von "Johnny Walker". Er weiß sich zu inszenieren. Er hat sie drauf, die Gsten und die Posen. Er tritt ab durch den Jubel wie ein alter, routinierter Entertainer, der weiß, dass er seinen Job gut gemacht hat. Es bleibt die Gewissheit: spätestens in fünf Jahren werden wir wieder in irgendeiner Berliner Halle zu "Mit Pfefferminz bin ich Dein Prinz" tanzen. Wenn er es bis dahin ohne Bühne aushält. |
|
|
|
Tagesspiegel 23.10.2010
|
|
Heiliger Bimbam
Konservativer Rebell: Marius Müller-Westernhagen in der O2 World
Der Refrain klingt wie ein Aufschrei, ein Aufruf zur Rebellion. „Wir haben die Schnauze voll“, kreischt Marius MüllerWesternhagen, begleitet von einem rumpelnden Schlagzeug und den aufheulenden Akkorden einer Blues-Gitarre. Es könnte der Song zur Lage derNation sein, denn die Schnauze voll haben derzeit nicht wenige. Mehr als 13 000 Zuschauer sind in die fast ausverkaufte Berliner O2 World gekommen, um Müller-Westernhagen zuzuhören, und viele singen mit: „Wir haben die Schnauze voll / Von euren schmutzigen Tricks.“ Doch um Politik geht es gar nicht in der aktuellen Single des Deutschrock-Stars. Das Lied ist eher eine Art Glaubensbekenntnis, das die Bedeutung der Kunst in den höchsten Tönen preist: „Heilig ist die Musik / Verflucht sei, wer sie betrügt.“
Müller-Westernhagen, der im Dezember 62 wird, hat es geschafft, das Image eines Underdogs zu bewahren, obwohl er schon längst keine T-Shirts mehr trägt, sondern Maßanzüge. „Ich bin einer dieser Typen, die man nicht verbiegen kann“, heißt es in der Ballade „Ein Mann zwischen den Zeilen“, die er im ersten Zugabenblock des zweieinhalbstündigen Abends singt. Müller-Westernhagen ist konservativ. An seinem Blues-, Soul- und Boogierock hat sich kaum etwas geändert, seit ihm 1978 mit dem Album „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ der Durchbruch gelang. In den neunziger Jahren füllte er Stadien, nach der Jahrtausendwende begann der Abstieg. Müller-Westernhagen verlor seinen Plattenvertrag und schien erledigt. Aber mit der Platte „Williamsburg“, aufgenommen in New York, feierte der Sänger im letzten Jahr ein spektakuläres Comeback.
„Das ist das erste Konzert in meiner neuen Heimatstadt“, sagt Müller-Westernhagen, als er das Publikum begrüßt. „Meine Frau und ich brauchten einen Tag, dann haben wir uns schon als Berliner gefühlt.“ Das wirkt ranschmeißerisch, aber auch rührend, denn von seinen mit ihm alt gewordenen Fans – das ist vom ersten Augenblick an zu spüren – wird der Mann tatsächlich geliebt. Müller-Westernhagen, der von Hamburg in die Hauptstadt gezogen ist, gibt eine Mischung aus Dandy und Bühnentier. Er ist unablässig in Bewegung, stakst die Rampe entlang, schreit „Yeah, Yeah, Yeah“ und gockelt herum wie Mick Jagger. Das Jacket bleibt zugeknöpft, die Augen sind hinter einer John-Lennon-Sonnenbrille versteckt.
Die siebenköpfige Band, die hauptsächlich aus Amerikanern und Briten besteht, spielt sich routiniert durch das Programm. Zerdehnte Bottleneck-Gitarrentöne verleihen einigen Stücken ein Country-Aroma, bei den langsameren Nummern ist ein sanft säuselndes Saxofon zur Stelle. Müller-Westernhagen singt sieben Titel aus dem „Williamsburg“-Album, aber die Zuschauer jubeln vor allem bei den alten Hits. Die Hedonismus-Hymne „Willenlos“, die sexuelle Eroberungen bei „Erika, Barbara und erst recht Marie“ auflistet, geht bruchlos über in den Stampfrock eines Trennungsdramas: „Ich bin fertig mit dir“.
Am Anfang seiner Karriere hat Marius Müller-Westernhagen Stücke geschrieben, die Milieustudien und Kurzgeschichten waren. Seinen vielleicht schönsten Song „Mit 18“ spielt er als Zugabe. Eine wehmütige Erinnerung an die eigenen Anfänge: „Wir verdienten 400 Mark pro Auftritt / Für ’ne Rolling-Stones-Kopie / Die Gitarren verstimmt und es ging tierisch los / Und wir hielten uns für Genies.“ Später wurden seine Texte immer pathetischer. Kurz vor Schluss singt Müller-Westernhagen den Wiedervereinigungs-Hit „Freiheit“. Leuchtstäbe werden geschwenkt, Feuerzeuge flammen auf. |
|
|
|