BIOGRAPHIEAUSZEICHNUNGENGOLD/PLATINENGLISH



Marius ist die männliche Form von Maria. Warum heißen nur so wenige Menschen Marius? Da gäbe es einen römischen Feldherrn, dann den Sohn der norwegischen Prinzessin Mette Marit. Aber in Deutschland gibt es nur einen großen Träger dieses Namens (nach dem später viele kleine benannt wurden): den Sohn von Hans Müller-Westernhagen und seiner Frau Liselotte, geboren am 6. Dezember 1948 in Düsseldorf. Der Schauspieler Hans Müller-Westernhagen, eine Größe im Düsseldorfer Gründgens-Ensemble, spielte zu der Zeit gerade in „Marius“, Teil 1 einer Dramentrilogie von Marcel Pagnol (1929). Der Vater war einerseits die entscheidende Bezugsfigur für seinen Sohn, den er in die Hörspielproduktion und die Schauspielerei einführte; andererseits gab er durch seine Depressivität und seinen Alkoholismus ein abschreckendes Beispiel. Er starb mit 44 Jahren, da war Marius 14 Jahre alt und schon auf dem Weg zum Film. Die Mutter verfolgte die Karriere ihres Sohns mit gemischten Gefühlen. Sie hätte ihn gern, wenn’s schon sein mußte, anständiges Theater auf einer seriösen Bühne spielen sehen, am besten den Hamlet.

Marius Müller-Westernhagen war ehrgeizig und talentiert. Dennoch nahm sein Vater ihn kurz vor seinem Tod vom Düsseldorfer Humboldt-Gymnasium, einer humanistischen Einrichtung mit einem inhumanen Französischlehrer. Später absolvierte er auf Druck seiner Mutter immerhin die Handelsschule. Seine erste Hauptrolle spielte er 1964 unter der Regie von Wilhelm Semmelroth in dem Film Die höhere Schule nach einer Erzählung des Schriftstellers Scholem Aleichem. So wurde der junge Mann ein Schauspieler: Über 23 Jahre hinweg spielte Westernhagen Hauptrollen in über 25 Filmen , von zahlreichen ambitionierten Literaturverfilmungen ( Sladek oder Die schwarze Armee nach Ödön von Horváth, Der Gehilfe nach Bernard Malamud, Der Mann auf der Mauer nach Peter Schneider) über exzellenten Autorenfilm ( Das zweite Erwachen der Christa Klages von Margarethe von Trotta, Klaras Mutter und Mosch von Tankred Dorst) bis hin zu gehobener (ein Tatort ) bzw. tieferer Unterhaltung ( Hurra, bei uns geht’s rund mit Bill Ramsey und Dieter Thomas Heck – für den schämt er sich bis heute...). Als er 1987 seinen vorerst letzten Film Der Madonna-Mann unter der Regie von Christoph Blumenberg drehte, stand er am Beginn seiner zweiten, gewaltigen Phase der Popularität als Rockmusiker.

Die erste Phase der Popularität war Ende der siebziger Jahre über Nacht gekommen. Da drehte Peter F. Bringmann einen zweiten Film mit einem gewissen Theo Gromberg als Hauptfigur, denn der erste, Aufforderung zum Tanz (1977), war ein so gelungener Fernsehfilm, daß er nach einer Fortsetzung rief. 1979 kämpfte noch einmal Theo gegen den Rest der Welt , nun im Kino. Der Truck-Fahrer mit Nehmerqualitäten auf der Suche nach seinem geklauten Gefährt machte Marius Müller-Westernhagen mit einem Schlag über den Kreis der Feuilleton-Leser hinaus populär. Theo wurde mit drei Millionen Besuchern zum bis dahin erfolgreichsten deutschen Film seit 1945: ein Segen für den schlaksigen jungen Mann, dessen Karriere als Rock’n’Roller den nötigen Rückenwind bekam – und ein Fluch für den gereiften Singer/Songwriter, an dem das Theo-Image trotz der verschiedensten Häutungen lange klebte wie Harz. Damals jedoch kam alles zusammen: der Sympathieschwung durch Theo (samt Auszeichnung mit dem Ernst-Lubitsch-Preis) und der Durchbruch als Musiker.

Alles bis dahin war ein Suchen und Ausprobieren gewesen. Marius Müller-Westernhagen sang und spielte Rhythmusgitarre und Mundharmonika in diversen Gruppen, avancierte als Sänger der Düsseldorfer Band Harakiri Whoom zu einer „minor local cult figure“ (Zitat Polly Eltes, seine spätere Filmpartnerin). Diese Band stand 1968 im Mittelpunkt des gleichnamigen Films , einer bunten Satire auf Beat und Bundeswehr, deren Ausstrahlung zunächst wegen „Zersetzung der Wehrkraft“ verboten wurde. Satire der unfeinen Art lieferte er 1972 auch mit dem Song Gebt Bayern zurück an die Bayern , seiner Cover-Version von Paul McCartneys „Give Ireland back to the Irish“. Westernhagen arbeitete außerdem beim Film, vor allem als Regieassistent, als Autor für die Zeitschriften „Twen“ und „Underground“ und für die TV-Satiresendung „Express“. „Ich wollte meine Zartheit kompensieren und allen beweisen, was ich kann.“

1974, im Alter von 24 Jahren, zog Marius Müller-Westernhagen nach Hamburg, teilte dort seine Wohnung und sein Leben mit der Schauspielerin Katrin Schaake. Einen ersten Achtungserfolg hatte der Sänger als „Marius West“ mit Celebration , dem englischsprachigen Titelsong zum Film Supermarkt von Roland Klick. In der Stadt, in der sich Udo Lindenberg gerade zum ersten glaubwürdigen Rocksänger deutscher Sprache entwickelte, lernte Westernhagen den Produzenten und Komponisten Peter Hesslein sowie die Band Lucifer’s Friend kennen – das Team seiner ersten drei Alben. Das erste Mal heißt sein Debüt. Der schüchterne Junge auf dem Cover regt Beschützerinstinkte; die Musik ist eine ambitionierte, auch etwas unentschiedene Mischung aus Rock, Pop und Liedermacher-Attitüde und mit zeittypisch arrangierten Bläsersätzen. Die Platte verursachte keinen massiven Karriereschub, aber sie enthält bereits einige Stücke, die zu Klassikern auf Marius Müller-Westernhagens Konzerten werden sollten: Wir waren noch Kinder , Taximann und „ Marion aus Pinneberg . Dem Erstling folgen nach ähnlichem Strickmuster Bittersüß und Ganz allein krieg ich’s nicht hin . Die zweite war nicht unbedingt besser als die erste und die dritte nicht unbedingt besser als die zweite – nicht viele wohl würden widersprechen.

Auch Marius Müller-Westernhagen war nicht recht zufrieden mit der Richtung, die seine Laufbahn nahm, und vielleicht sollte er es allein doch besser hinkriegen: In seinem Buch Versuch dich zu erinnern schildert er anschaulich die Szene, die sich im Büro seines Plattenboß abspielte: Er haute auf den Tisch, verlangte künstlerische Freiheit, hier und jetzt, schriftlich, und Siegfried E. Loch, damals Präsident von Warner Deutschland, heute Chef seines sehr erfolgreichen Jazz-Labels, gab’s ihm schriftlich. Westernhagen hatte nicht viel zu verlieren, er war ja noch immer im Wesentlichen Schauspieler, und er gewann. Mit seinem neuen Produzenten Lothar Meid, dem Bassisten der Kultband Amon Düül II, spielte er 1978 Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz ein, die erste straighte, ungekünstelte Platte in seiner eigenen Handschrift.

Das Album mit dem Coverfoto von Michael Ballhaus (heute einer der besten Kameramänner in Hollywood) war einfach produziert – „es ist voller Fehler, aber auch voller Atmosphäre“ (MMW). Es ging keineswegs gleich ab in schwindelnde Verkaufshöhen, aber es bohrte sich in die Gehörgänge der Jugend, die den Mann mit dem frechen Ton am Leib auch auf der Bühne sehen wollte. Die Pfefferminz -Tour war ausverkauft, noch bevor der Theo -Film in die Kinos kam (und wegen der Tour konnte er nicht zur Premiere erscheinen). Manchmal gibt’s so einen Moment im Leben, in dem plötzlich und scheinbar mühelos alles für einen läuft. Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz , heute zweifellos ein Klassiker der deutschen Popgeschichte, wurde für viele junge Menschen zum „Soundtrack ihrer Adoleszenz“ (Teddy Hoersch) und hat nichts von seinem authentischen Rauhbein-Charme eingebüßt – Klaus , den Dicken und Johnny W. sei Dank. Die Verkäufe reichten erst nach drei Jahren für eine Goldene Schallplatte, und im Februar 1999, 21 Jahre nach Erscheinen, wurde das Album für Verkäufe über anderthalb Millionen Einheiten mit Dreifach-Platin ausgezeichnet.

Nach dem neuen Erfolgsrezept entstanden rasch zwei weitere Alben, Sekt oder Selters (1980, Coverfoto vom „Blechtrommel“-Kameramann Igor Luther) und Stinker (1981, Covergestaltung von Klaus Voormann, dem Schöpfer des Beatles-Covers „Revolver“). Es sind immer noch gute Platten mit erdiger Musik und frechen Texten in überzeugender Rollensprache: Vom armen Zocker über Gerti aus der DDR bis zum bornierten Spießer kommen hier die verschiedensten Figuren zu Wort. Und natürlich so mancher Liebender. Mit dieser Trilogie begründete Westernhagen nicht nur seine Karriere als authentischer Rock’n’Roller, sondern auch seinen Ruf als Textschreiber, der mit genauem Blick die Gefühle und Gedanken, Ängste und Hoffnungen von Menschen einzufangen oder zu karikieren versteht.

Eine der Konstanten in Marius Müller-Westernhagens Künstlerlaufbahn ist der Wechsel, die permanente Suche nach etwas Neuem, die Flucht vor der Routine. Das mag denen, die in ihm, rückblickend auf die neunziger Jahre, den deutschen Konsens-Musiker schlechthin sehen, merkwürdig vorkommen. Er hat die Popularität und die damit verbundenen Annehmlichkeiten nie gescheut, aber er hat auch nie um sie gebuhlt. Er hat sich ab einem bestimmten Punkt bewußt nicht „volksnah“ gegeben, um eine allzu starke Identifikation mit dem zu vermeiden, was nun mal nur Rollen, Posen, Verwandlungen sind – nicht jedem seiner Fans gelingt diese Unterscheidung. Um aus der Routine zu finden, hat er sich immer auf die Suche nach neuen Formen innerhalb seines Genres gemacht; so auch nach seinem Erfolgs-Dreisprung Pfefferminz , Sekt und Stinker .

1982 erschien „ Das Herz eines Boxers , eingespielt in London mit neuen Musikern, die er sich in England gesucht hatte. Es ist eine grobkörnige, schnelle, new-wave- und reggae-angehauchte Platte, über die sich die Journalisten freuen durften, denn ihnen wurde hier diskret ans Bein gepißt: „Früher hatt’ ich mit den Jungs ja so’n Ärger. Ich war so naiv, die Wahrheit zu sagen. Ich hielt mich für’n ‚Künstler’ und nicht für ’ne Hure, das hat mir sehr geschadet.“ Ein Jahr darauf folgte Geiler is’ schon , nicht eines der bekanntesten Alben, aber das mit einem seiner bekanntesten Songs: „ Laß uns leben . Jim Rakete hat für das Cover den sanftmütigen Rocker von nebenan ins Bild gesetzt. Dann kamen ein Image- und ein Stilwechsel.

1984: Die Sonne so rot , das erste Experiment mit programmierten Beats und synthetischen Sounds (und mit Kralle Krawinkel von „Trio“ an der Gitarre). Westernhagen hat es ebenso wie Lausige Zeiten (1986) gemeinsam mit seinem Produzenten Lothar Meid nahezu im Alleingang eingespielt – gut zur Neuorientierung und als künstlerisches Statement, aber nicht der Königsweg für einen, der nun einmal mit einer lauten Band auf die Bühne gehört. Dazwischen erschien Laß uns leben , eine Zusammenstellung der schönsten Balladen von 1974 bis 1985. Westernhagen befand sich in einer Übergangsphase, aber der Anfang von etwas großem Neuen stand unmittelbar bevor.

Westernhagen ohne Marius Müller-

Der Mann auf dem Cover mit Lederjacke und Pilotenbrille sieht auf den ersten Blick etwas dicklich aus. Auf den zweiten Blick sieht man, daß er von jemand umarmt wird; und wer ganz genau hinschaut, sieht ein Auge unterhalb des Kinns von Marius Müller-Westernhagen. Die neue Frau in seinem Leben, die da hinter ihm steht, ist das New Yorker Top-Model Romney Williams. Die beiden hatten sich in Hamburg kennengelernt; er hatte sich gerade aus der langjährigen Beziehung mit Karin Schaake gelöst und mit der englischen Filmpartnerin Polly Eltes ( Der Schneemann ) ein Kind gezeugt, Sarah, genannt Mimi, geboren 1985. Beide hatten einige Hürden zu überwinden, bis sie zueinanderkommen konnten; Romney war noch in New York verheiratet und hatte einen fünfjährigen Sohn, Giulio. Romney und Marius heirateten 1989 und bilden seither ein Paar wie aus dem Bilderbuch. Sie sind Komplementärseelen, eine unzertrennliche Einheit.

Das neue Album mit dem erwähnten Foto, das 1987 gemeinsam mit dem Can-Ingenieur René Tinner entstand, heißt so wie der Sänger:
Westernhagen
, erstmals ohne Marius Müller-. Hier verfolgte er wirklich seine eigene Sache, einen geradlinigen, piksauber produzierten Rock’n’Roll auf der Höhe der Zeit und mit emotional offenherzigen Texten. Auf diesem Alben findet sich neben Nimm mich mit und Ganz und gar auch Freiheit , der hier vor seiner wundersamen Entdeckung als Wende-Hymne erst einmal nur ein guter Song unter vielen war.

Nächster Coup: Halleluja (1989) mit dem Ohrwurm Weil ich dich liebe und dem Potenzmittel SeXy . Westernhagen live füllt auf großer Deutschland-Tournee jede Halle und 1990 ein grandioses Live-Doppelalbum mit seinen besten Songs. Jetzt geht es los mit den Superlativen, jetzt wird er zum Megastar, der er die gesamten neunziger Jahre hindurch bleiben wird. Regelmäßig Durchmärsche neuer Alben in die Charts von null auf eins, restlos ausverkaufte Tourneen, Medien-Rummel um einen deutschen Musiker, wie ihn bis dahin nur angloamerikanische Popgrößen erlebten. Westernhagen wurde zwischen 1990 und 1999 insgesamt 111 Wochen in den Top Ten der Media Control Charts geführt, davon 28 Wochen auf Platz eins, und das mit großem Abstand vor allen internationalen Megastars. Nur eines sollte Marius Müller-Westernhagen, der Alben-König des Jahrzehnts, nie erobern: einen Platz unter den Top Ten der Single-Verkaufs-Charts...

Westernhagen, der Kontrollfreak, hat alles in der Hand: Er schreibt die Songs und die Texte , hat sehr genaue Vorstellungen bei der Produktion von Alben und der Inszenierung seiner Auftritte; er ist als Arbeitgeber für Musiker, Grafiker, Regisseure etc. der Leitwolf und das Alphatier. Ihm ist vollkommen bewußt, daß der Künstler Westernhagen auch ein Produkt Westernhagen ist, und um als Künstler ernstgenommen zu werden, muß das Produkt in allen Einzelteilen stimmen: von der Musik über die technische Qualität bis zum Artwork. Alle seine Alben seit den neunziger Jahren bilden eine solche durchdachte Einheit aus Form und Inhalt.

Jaja ist der nächste vorläufige Höhepunkt seines phänomenalen Aufstiegs, ein Album in auffälliger Ästhetik mit einem Coverfoto der französischen Star-Fotografin Bettina Rheims. Erstmals zeichnet Marius Müller-Westernhagen als Produzent allein verantwortlich und fährt am Ende des Jahres 1992 eine reiche Ernte ein: er erhält drei Echo-Awards (Künstler des Jahres, Musikvideo des Jahres, Produzent des Jahres), den Silver Screen Award für das Video zu Krieg und den Bambi in der Kategorie Pop. Jaja verkauft sich über eine Million Mal (Doppel-Platin). Die Tour des Jahres führt ihn durch die Fußballstadien der Republik – noch nie hatte ein deutscher Musiker diesen Schritt gewagt, aber nach den Hallen füllte der charismatische Performer nun auch mühelos die Arenen. Die Mischung macht’s, und sie wurde zum Erfolgsrezept: Neben launig-ironischen Nummern über Beziehungskisten ( Rosi, Männer sind so schwach ) und kritische Fälle von männlicher Präpotenz sorgt Westernhagen immer wieder in klaren Worten für ein wenig Bewußtsein darüber, was jenseits der Spaßzone und draußen in der Welt geschieht: „Es ist Krieg / Hörst du die Mütter weinen / Krieg / Ich habe Angst“.

Affentheater (1994) hatte bereits Platin-Status, bevor es überhaupt ausgeliefert war, allein durch die Vorbestellungen – da entsteht Erwartungsdruck. Westernhagen hatte sich jedoch genügend Zeit genommen und ein in jeder Hinsicht rundes und in seiner Geschlossenheit zeitloses und unverwechselbares Album vorgelegt, mit Es geht mir gut und Willenlos als den eingängigsten Nummern. Die anschließende „Affentour“ hat der Dokumentarfilmer Don Pennebaker in dem Film Keine Zeit (1996) festgehalten, zu dem ein gleichnamiger Soundtrack erschien.

In dieser Zeit stand Westernhagen vor Unmengen von Menschen und sorgte für unvergeßliche Gemeinschaftserlebnisse, die für manchen Fan etwas Messianisches annehmen konnten – eine Gratwanderung, die in ihren Konsequenzen nicht ganz ohne ist. Marius Müller-Westernhagen wußte die privilegierte Situation zu nutzen. Er hat es verstanden, nicht nur ein fröhliches Fest zu veranstalten, sondern auch klare Ansagen zu machen, ohne in den betulichen Tonfall einer Song-Botschaft oder eines Mahn-und-Warn-Lieds zu verfallen. Zu Rüstungswahn, Ausländerfeindlichkeit und den Zweifelhaftigkeiten der Politik muß man sich als Künstler nun einmal verhalten. Und wenn man schon der Bekannteste unter den Bekannten ist, wachsen die Begehrlichkeiten, soll man sein Gesicht in diese und jene Kamera halten und etwas hineinsingen oder -sagen.

Ein Popmusiker auf dem Zenit seiner Popularität hat eigentlich nur zwei Möglichkeiten, damit umzugehen: Er versucht einen Spagat, um die verschiedensten Interessen und Erwartungen zu befriedigen – die seiner Fans, seiner Plattenfirma, der Medien und seine eigenen. Aber aus der Nummer kommt man vor lauter Spagaten nur noch verbogen und überdehnt wieder heraus. Oder man trifft eine klare Entscheidung, sich dem nicht untertan zu machen. Marius Müller-Westernhagen hat sich, als ihn die Begehrlichkeiten zu überrollen drohten, dafür entschieden, nichts dem Zufall und die Kontrolle nur sich selbst zu überlassen. Manche Formen dieser überlebensnotwendigen Distanznahme sind ihm wiederholt zum Vorwurf gemacht worden – jeder mag, auch mit Blick auf die Integrität und das Schicksal anderer Prominenter seines Kalibers – Sportler, Künstler, Fernsehgesichter –, selbst überlegen, ob das der richtige Weg ist.

1998 erschien Radio Maria , ein erneut konsequent durchkomponiertes Album. Es nahm, ausgelöst von Störgeräuschen eines religiösen Senders in Westernhagens italienischem Refugium, seinen Weg zu einer vielschichtigen Aussage über Glauben, Götter und gefallene Engel – kein schlechter Ansatz für einen, der selbst derart zum Objekt einer kultischen Verehrung geworden war. Das Album ging seinen gewohnt zügigen Weg nach ganz oben in die Charts, der Song Wieder hier lief im Radio rauf und runter, und der Musiker ging noch einmal seinen Weg auf die Bühnen. Mit einer gigantischen Show wagnerianischen Ausmaßes verabschiedete sich Marius Müller-Westernhagen damit aus den Stadien der Republik. Mit dieser aufreibenden Art, ein Rockstar zu sein, hatte er aufgehört, als es am schönsten war, und er gönnte sich eine Auszeit.

So weit...

...so gut. Aber was kommt, wenn es nicht mehr weiter nach oben gehen kann? Erst einmal ein Best of-Album, um die eingefahrene Ernte zu feiern: So weit... (2000) heißt die Zwischenbilanz (in einer Normal- und einer Deluxe-Edition) in aller Bescheidenheit. Im Jahr 2000 ging Marius Müller-Westernhagen nach London in die Metropolis Studios, um gemeinsam mit Tim Young sein gesamtes Werk digital zu remastern , also in Sachen Sound auf Hochglanz zu polieren. Im April 2001 erhielt er für sein gesellschaftspolitisches Engagement aus der Hand von Bundeskanzler Gerhard Schröder das Bundesverdienstkreuz am Bande , die höchste zivile Auszeichnung, die der Staat zu vergeben hat. Ehre, wem Ehre gebührt, kreative Pause schön und gut, aber ein Musiker muß irgendwann auch wieder Musik machen.

In diese Zeit fiel ein Ereignis, das die Welt schlagartig veränderte: Durch die Terroranschläge vom 11. September 2001 war weit mehr zum Einsturz gebracht worden als zwei Gebäude. Alte Hoffnungen über das Zusammenleben der Menschen und eine friedliche Weltordnung wurden in ihren Grundfesten erschüttert. Die Ereignisse in der Geburtsstadt seiner Frau Romney, die mit Blick auf das World Trade Center aufgewachsen war, und ihre Auswirkungen in weltpolitischer wie persönlicher Hinsicht ließen Marius Müller-Westernhagen nicht unberührt. Vieles von seinen Gedanken und Gefühlen klingt nach in dem Album In den Wahnsinn (Co-Producer Kevin Bents/New York), das im November 2002 erschien – eine so grandiose wie bislang unterschätzte Platte. Manche Texte wirken abstrakt und verschlossen, wollen interpretiert werden; doch bestimmte Zeilen sollten sich eigentlich sofort erschließen: „Es ist an der Zeit / daß du endlich begreifst / daß du endlich verstehst / Daß es nicht nur um dich geht.“

Das Werk ist musikalisch komplex und ausgefeilt wie keines zuvor, voller Klangzauber, technischer Raffinesse und rhythmischer Vielfalt. Es ist etwas düster hier und da, zugegeben, und es hat keinen sehr positiven Titel. Es ging wie üblich von null auf eins und verkaufte sich bisher gut 300000mal – das war immerhin Platinstatus und blieb doch hinter den Erwartungen zurück. Dies war ein gefundenes Fressen für alle, die sich „besserer Zeiten“ ihres Megastars erinnerten und einen Stern im Sinken begriffen sahen. Doch Marius Müller-Westernhagen war nun ganz da angekommen, wo er immer hinwollte: Er mußte niemandem mehr etwas beweisen, brauchte nach keinen Quoten zu schielen, gönnte sich den Luxus einer Musik ganz nach seiner eigenen Fasson.

Die Texte von In den Wahnsinn erschienen in einer Buchausgabe unter dem Titel Mein Herz dein Blut . Und Anfang 2004 kam der umfassende, liebevoll ausgestattete Text/Bildband Versuch dich zu erinnern heraus: mit zahllosen Bildern von Westernhagens „Hausfotografen“ Dieter Eikelpoth , einem umfassenden Gespräch mit dem politischen Journalisten Manfred Bissinger (der auch einmal ganz andere Dinge fragt als ein Musikjournalist) und einer Fülle an Filmplakaten, Covern, Snapshots, Manuskripten und Dokumenten.

Im Herbst 2004 überraschte Marius Müller-Westernhagen mit der Ankündigung einer neuen Tournee durch die großen Hallen der Republik. Er hatte ja keineswegs gesagt, nie wieder auftreten zu wollen – nur mit den Stadien, deren Grenzen der Bespielbarkeit er erreicht hatte, sollte es ein Ende haben. Die meisten Stationen waren sofort ausverkauft, so daß eine Reihe von Zusatzterminen angesetzt werden mußten.

Und nun, seit dem 21. Februar 2005, liegt das neue Album vor: Nahaufnahme , entstanden mit Jay Stapley und Dieter Krauthausen als Co-Producern. Wieder hat ein Berühmter das Coverfoto aufgenommen: Karl Lagerfeld. Marius Müller-Westernhagens Qualitäten als Singer/Songwriter gelangen hier zu ungeahnter Blüte. Wohl noch nie klang er so entspannt und so ganz bei sich selbst. In vierzehn Stücken umrundet er die Welt der Gefühle und Leidenschaften, findet er eindringliche Zeilen für die verschiedenen Aggregatzustände der Liebe. So wie man von einem Liebesroman spricht, könnte man hier von einem Liebesalbum sprechen. Mit über dreißig Jahren Karriere im Rücken und ein wenig Lebenserfahrung auf dem Buckel hat Westernhagen hier zu einer neuen Form gefunden, die sich in der selbstbewußten Aussage der ersten Single-Auskopplung verdichtet: „Ich bin eins / Ich bin völlig eins mit mir.“